Ein Trike, ein Trike, ein Königreich …

21. Februar 2017

Ich will weiter, wenn ich Leben spüren will, dann muss ich weiter. Ich muss im wahrsten Sinne des Wortes zu neuen Ufern aufbrechen, darf nicht in eingefahrenen Gleisen laufen. Begegnungen mit der Kindheit, mit den Erinnerungen, holt man sie in die Gegenwart, sind meist ernüchternd. Ich weiss das, wie wir alle es wissen: Das Kinderkurheim im Schwarzwald habe ich mit dem Rad drei Tage lang gesucht und musste feststellen, dass es nicht das schloßartige Gebäude meiner Erinnerung sondern die kleine Hütte der Gegenwart war, als ich sie endlich fand. Die Schule riecht nicht mehr wie damals und die Gebüsche meiner Jugend versprühen nicht mehr diesen Duft. Der Kanal, die Lippe, der Rhein sind nicht mehr so groß, wie in Kindertagen. Wer wachsen will, der muss Neues wagen. Das einzig Beständige ist der Wandel, aber es dauert, bis man sich das klar macht. So wenig wie ich es ertrage im Hamsterrad zu biken, die immer gleichen Strecken, womöglich noch im Sportraum, im Keller, vor irgendeinem Film oder mit Musik, damit es irgendwie erträglich ist, um fit zu bleiben oder abzuspecken oder weil man das nun einmal so macht, so wenig will ich die Enttäuschungen die es unweigerlich gibt, wenn man ein zweites Mal nach Jahren in den gleichen Urlaubsort kommt. Auf dem Weg nach Israel durch Istanbul? Im Leben nicht. Es kann einfach nur enttäuschen, nachdem ich mit 16 schon einmal trampend Kadiköy, Erenköy, Maltepe und Haydapasha eroberte. Die Welt ist groß. So ließ ich Istanbul links liegen auf meiner Fahrt nach Jerusalem und entdeckte Troya und die Dardanellen; so lasse ich andere Sehnsuchtsorte auf meinen Radtouren rechts und links liegen. So suche ich nach neuen Herausforderungen und … nach einem neuen Rad, drei neuen Rädern… vielleicht noch mit Anhänger.. ähm: ganz sicher mit einem Anhäger.

Erinnerungen verkrusten wie ehemals feuchte Wege in der Sonne. Ein Trike also.

Seit ich im Juli aus Israel zurückkam spintisiere ich von diesem komischen Ding: ein Liegerad, aber ein Liege-Dreirad. Recumbent-Bike. Trike. Jetzt ist Februar, drei Messen, sechs Stores, drei Dutzend mails, Telefonate, sms und chats später steht es fest: wenn vielleicht noch nicht in diesem Frühjahr, aber ganz sicher zum Herbst ist es ein Trike.

Ich sehe mich auf Messen um, besuche die empfohlenen Fachhändler und lese alles, was es an Broschüren, pdf und Pressemeldungen gibt. Ich diskutiere mit den Bikern in England und Amerika, halte Kontakt zu Australiern und Asienumrundern, lerne nicht nur deren Vokabeln, sondern auch deren Slang. Ich will, so lange das noch irgend wie geht, „from cradle to cradle“ die Wiegen der Menschheit und der Kulturen sehen. Das Liegerad, das Liegedreirad, so nahe an der Embryonalstellung wie nur möglich, soll mich dahin bringen.

Ich fasse täglich neue Entschlüsse, mit jedem Gespräch ist etwas anderes einleuchtend, das Einzige was immer stört sind die Summen: Ein trike kostet ein vielfaches eines durchschnittlichen Reiserades. Die Konstante: drei Räder und eine Nabenschaltung von Rohloff.

Mein Velodeville mit 26″ Laufrädern war eine Neuerung für mich. Ich schwöre auf die grösstmöglichen Räder seit meiner Kindheit. 28″ müssen es einfach sein und inzwischen gibt es ja weitaus Größeres. Ich liess mich überzeugen und erstand für 2000 Euronen ein Rad, dass mich nie enttäuschte: eine Kurbel riss mir in Spanien, einen Platten auf 15000 km, das war alles an Widrigkeiten am Rad. Und das bei meinem Gewicht und der üppigen Zuladung. Der Hammer bei VDV: da war das für mich beste seit der Erfindung des Rades schon drin: eine Nabenschaltung von Rohloff. Für 2000 Verrechnungseinheiten der europäischen Währungsunion gibt es dafür nicht einmal ein nackiges Liegedreirad von Namen, ganz zu schweigen von einem mit einer Rohloff-Nabe. Die Hersteller begründen das mit der niedrigen Stückzahl und locken damit, das jedes einzelne Bike, also jedes einzelne Trike dieser nicht zwei Hände umfassenden Anbieter weltweit „custom-made“ ist. Es gibt also nur ziemlich karg ausgestattete Grundmodelle knapp unter 3000 Euro Listenpreis. Hinzu kommen dann „custom-made“ Schutzbleche, wenn man nicht aussehen will wie Sau; eine Lichtanlage, ohne die man gar nicht am Verkehr teilnehmen darf; ein Gepäckträger, wenn es nicht nur „funny“ abseits des Verkehrs gefahren werden soll; bessere Bremsen als die für den Weg zum Aldi und ein paar wirkliche Besonderheiten wie Spiegel oder Fahnenhalter oder eine Schaltung nach eigenem Gusto.

Ich werde also noch ein wenig mit meinem VDV cruisen müssen und hier von den Wegen erzählen, die erst beim Gehen entstehen.

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