Velodeville VDV R 65 Premium

Das Reiserad für hohe Ansprüche bei kleinem Budget

Im September habe ich mir das Viert-Rad gegönnt. Der Trend geht klar zum Viert-Rad, das wusste ich damals aber noch nicht. Eigentlich wollte ich es für… – aber das ist eine andere Geschichte.

Der Sommer war anstrengend, das Jahr war die Hölle und die sechs Monate nach dem Kauf waren Dante, Dan Brown und Poe, aber da konnte das Rad nix für. Ich stand also in Würzburg in einem „meiner“ Radläden, sah das Rad und bettelte bei der Regierung, bis diese „nagut“ sagte – jeder Mann weiß, das „nagut“ einen Preis hat, den man erst so nach und nach erfährt.

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Das Rad war perfekt, außer dass es mit 26″ echt nicht meinen Traummaßen entsprach. Aber da alle anderen Räder bei mir 28″ haben und man ja was wagen soll, ließ ich mir die Klickpedale ab und ein paar vermeintlich ordentliche Reisekurbeln anschrauben. Ansonsten kamen nur noch ein Radcomputer von Sigma, der BC 509, Ortlieb Lenkertaschenhalterung, ein anderer Sattel  und ein paar Winzigkeiten dazu.

Das Rad begleitete mich auf rund 11.000 km quer durch Europa. Ich fuhr den Main runter, den Rhein rauf, die Lahn entlang, durch den Aubrac, durchs Massif central, machte die Jakobswege unsicher und kletterte mit ihm den lykischen Weg durch die Berge der Türkei. Mit dem Rad hatte ich immer meine Freude. Das erste Mal schlapp machte es 100 Kilometer vor Santiago, als plötzlich und unerwartet eine Kurbel abriss. img_2072kleinIch strampelte wie ein Einbeiniger – jetzt wären Körbchen oder Klickpedale sinnvoll gewesen, bis zum nächsten Pilgerkiosk, enterte ein Taxi und liess mich zu einem Laden bringen, der „garantiert“ am Samstag Nachmittag wieder öffnet. Tat er nicht. Aber das sind die Fährnisse, an die man sich gewöhnt, wenn man das Sofa verlässt. Noch ein Taxi gerufen und zum nächsten geschlossenen Laden, in dem aber eine Telefonnummer im Fenster hing. Der freundliche Mann baute mir zwei neue Kurbeln an zu einem Preis, zu dem man in Deutschland nicht einmal einen Voranschlag des Radhändlers bekommt und ich hatte nie wieder ein Kurbelproblem… Für die miese Kurbel konnte VDV nix, das ist klar.

Auf meiner Tour nach Santiago sah ich Radler mit größeren Problemen, die zum Teil nicht nur ärgerlich, sondern lustig wirkten. Am häufigsten sah ich nicht den klassischen Platten, sondern Leute, denen der merkwürdige Gepäckträger, der frei schwebend lediglich am Sattelholm fixiert und abgebrochen war, so dass die Biker das Ding als Rucksack schulterten. Ich hab denen nie wirklich getraut und für full loaded bike riding sind die eh nix!

Meinen ersten Platten mit meinem VDV R65 hatte ich nach mehr als 4.000 km auf dem Weg von Santiago de Compostela über Cabo Fistera nach Muxia an der Nordwestecke Spaniens. Nach quälenden Aufstiegen kam endlich die Abfahrt im Eukalyptuswald und die ausgewaschene cobblestone-piste wies tiefe Löcher auf. Voller endokriner Antreiber im Körper bündelten sich die Fehler: Ich fuhr nicht nur zu schnell, sondern auch noch nach Westernart voll aussitzend statt als Enduro-Steher. Ein Absatz und es tat einen Schlag. Hinterrad platt. Ich schleppe nicht nur 130-plus eigene Kilos mit mir herum, sondern reichlich Gepäck und tools und Ersatzteile und vermeintliche Sicherheit. Also war ich guten Mutes, das in wenigen Minuten erledigt zu haben!img_1813klein

Denkste. Alles Gepäck musste runter. Alles meint: Alles. Ich sichere alle Taschen und das Gepäck mit Netz, mit Straps und mit Kabelbindern an den tubes, damit man bei 80 Sachen nicht die gleichnamigen von der Strasse sammeln muss. Die Pilger zogen an mir vorrüber, mancher fragend, manch anderer grinsend. Einem der letzten des Tages musste ich meine Bitten vortragen, für mich zu telefonieren, im nächsten Dorf um Hilfe zu bitten, mir technische Rettung zu besorgen, denn: Die Scheiss-Klapp-tools rissen alle ab! Nach nicht einmal einer Stunde kam ein Radler mit echten Gabelschlüsseln in der heavy duty-Ausführung, wie man sie in der heimatlichen Werkstatt, der Garage und im Keller ordentlich dekorativ an der Wand hängen oder im Werkzeugkoffer liegen hat, aber für gewöhnlich nicht auf der Radtour. Er half mir und in Windeseile war alles wieder gerichtet. Dutzende von Malen half ich mit meinem Werkzeug, verschenkte Luftpumpen und Schläuche, Ducktape, Trockennudeln, Pflaster und Salben und kaum bleibt man selber mal liegen, zack, ist Hilfe da.img_1155

Das VDV R 65 Premium war auch mein Begleiter über den Balkan, durchs Land der Skipetaren und durchs wilde Kurdistan und die Levante und zurück. Kein Problem, nicht einen Ausfall, keine Probleme. Erst bei meiner Ankunft in Israel riss mir das Flughafenpersonel den Lowrider und damit auch die unbedingt für ein Reiserad notwendige vordere Stütze, wenn man noch nicht nötige Erfahrung echter long-distance rider mit ihren Stützstöcken hat. Ausserdem hatte ich nun zwei Taschen samt Inhalt mehr, als Fixationspunkte am Rahmen. Den zweiten Platten hatte ich bei der Ankunft in Frankfurt, wo wieder Flughafenpersonal involviert und ich unaufmerksam war: die Kleingläubigen beliessen es nicht bei meinem gesenkten Luftdruck in den Laufrädern sondern liessen alle Luft entweichen, rollten das Rad dabei aber durch die Gänge. Der Schlauch fand seinen Weg zwischen Mantel und Felge an die frische Luft und beim Aufpumpen mit Pressluftkartusche in der Gepäckhalle löste der Knall ein Gefühl von nine-eleven aus. Im Odenwald ersetzte ich den vorderen Tubus durch einen neuen Gepäckträger, der sowohl eine Plattform samt Feder, als auch eine lowrider-Funktion hat.

Nachtrag. Wirklicher Mangel an dem Rad ist lediglich die Befestigung der Schutzbleche nicht etwa durch seit 100 Jahren erprobte Schrauben, sondern durch Plastikfittings, die man auf der ganzen Welt nicht erstehen kann. Zwar versprach man mir bei VDV auf elektronische Anfrage,  solche zu schicken. Aber Alter, ich will Radreisen und nicht Radersatzteilwarten irgendwo in der Welt.img_0392klein

Fazit: Kaum ein Hersteller bietet ein solches Preis-Leistungsverhältnis: Ein Reiserad, mit Rohloffschaltung, voll ausgestattet, mit Tubus Gepäckträger und Lowrider, Schwalbe Plus (unplattbar)-Bereifung, Shimano-Nabendynamo und Lichtanlage, alles mit Schnellspannern… für 2.200 EUR ist nahe an custom made. Bei aller Wartungsarmut ist jährlich ein Satz Belege und je ein Satz Mantel und Schlauch sowie ein Ölwechsel erforderlich gewesen. Die Kette wurde einmal gewechselt, nicht aus Not, sondern um „neuwertig“ in die nächste große Tour starten zu können. Zu keinem Zeitpunkt hat mich mit all meinem Gepäck das Rad versetzt.

Au! Der Kreis soll sich ja schließen: Ja sicher weiss ich, dass es jetzt Kritik hagelt von wegen des kleinen Budgets. Das ist kein Billigheimer! Nicht aus dem Supermarkt. Das ist nix für Preis-Nörgler, aber es ist nun einmal die beste Schaltung der Welt und die kostet schon für Selbsteinbauer einen schlappen Tausender. Das gleiche Rad von einem der üblichen Verdächtigen kostet genau diesen tausender mindestens mehr. Ach ja: man kann es auch gebraucht kaufen. Dieses hier bei mir 😉

Auf dem Weg nach Jerusalem mit einem VDV R 65 Premium im April 2016

Auf dem Weg nach Jerusalem mit einem VDV R 65 Premium im April 2016

Offenlegung:

Mein VDV R 65 Premium, 14-Gang Rohloff speed hub in gelb, 26 “ Laufräder mit Rahmenhöhe 53 habe ich beim Radhaus Schuster in Würzburg erworben. Alle hier vorgestellten Teile entstammen dem freien Kauf, sind nicht gesponsert oder durch Fremdleistungen unterstützt worden. Ich gebe hier einen unvoreingenommenen Eindruck, meine persönliche Erfahrung aus 4 jähriger Nutzung mit diesem Rad wider.

http://www.velo-de-ville.de/de/

 

Das Rad steht ohne Taschen, Gepäck und zusätzliche Anbauten zum Verkauf für 1.000 EUR.

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