Liegerad – Radreise – Blog

Projektewahn

Ihr kennt das: Es gibt Zeiten, da will man nichts hören oder sehen, keinem Menschen begegnen, keine Arbeit beginnen und ganz sicher keine alten Dinge weiterführen. Aber ihr wisst auch, es muss etwas Neues kommen. Dummerweise besteht jedes Projekt aus Einzelprojekten und ein Projekt ist es ja nur, wenn es völlig neu ist, wenn es sich nicht mit den herkömmlichen Ablaufplänen und Checklisten bearbeiten lässt. Insofern ist es nie nur ein Projekt und Projektmanagement immer Wahnsinn.

Auf dem Weg nach Santiago, 2015 im Mai, irgendwo im Aubrac.

Auf dem Weg nach Santiago, 2015 im Mai, irgendwo im Aubrac.

Ich radle seit dem 5. August 1970, als unter dem sommerlichen Geburtstagstisch das rote Ding mit Stützrädern hervorlugte. Plötzlich waren Matchboxautos und Sandschaufel nicht mehr wichtig. Ich fuhr schon nach Stunden ohne Stützräder, denn sie erwiesen sich als Stürzräder, waren verbogen und verbeult und wurden abgeschraubt. Bis zu diesem Tag saß ich auf dem Rad meines Vaters in den damals üblichen Schalensitzen, die man auf die Stange des Diamantrahmens schraubte, die Beinchen an Fußrasten gekettet, damit sie nicht in die Speichen fuhren.

In den kommenden Jahren, nahezu zwei Jahrzehnte lang, kamen meine Räder vor allem vom Sperrmüll. Sperrmüll war für mich und meine Brüder wie Sommerschlussverkauf für alte Damen: Vor jedes Haus, zu jedem Haufen, in alle Stadtteile musste geschwärmt werden, um die nächste Generation von Illusion ein Eddy Merckx oder ein Diddi Thurau sein zu können zu produzieren.

Die Zähne schlug ich mir so aus an den Barrieren der Auffahrt zum Bahndamm, weil ich zwar Geschwindigkeit aufnehmen, aber irgendwie nie Bremsen lernte. Knie aufgeschürft und Hosen zerfetzt von Kette und Zahnrad war Alltag und Hölle für die Mutter. Mit dem Rad die Welt entdecken hiess nach Dülmen, an den Kanal, in die Sandberge nach Haltern und zur ersten großen Liebe nach Lippramsdorf fahren.

Irgendwann war die Kindheit vorbei und es scheiterte in jedem Lebensjahrzehnt ein neuer Versuch, das Rad wieder im Alltag zu etablieren oder positiv gesagt: immer wieder gab es Radabenteuer, mal mit Anhänger in dem die Zwillinge zum Schlaf oder fast bis zu Tode geruckelt wurden; mal der Versuch die Alpen zu überqueren. Mitte 40 mussten Kinderträume angegangen werden. Ich fuhr mit Rad und Anhänger Richtung Süden, flog von Basel nach Faro und radelte durch Portugal und bis Paris zurück – den Anhänger habe ich schon am Ende des ersten Tages im Kraichgau abgestellt.

Im April 2015 brach ich zum Geburtstag meiner Mutter – Gott hab sie selig – auf, mit dem Rad nach Spanien auf Jakobs Spuren zu „wandeln“.  Mehr als 4000 km in drei Monaten durch Deutschland und Frankreich, durch Spanien nach Santiago und ans Ende der Welt: Fisterra und Muxia und an der Küste zurück bis nach Orleans, wo meine Regierung mich einholte.

Als ich nach Hause kam machte ich mich daran das Laufen zu versuchen, etwas was ich seit der Entdeckung des Rades ablehnte. Ich lief ein paar Mal durch den Odenwald und die Tauber entlang um mir zu bestätigen, dass weder das Radeln im Kreis um den Heimatort auf dem Skulpturenradweg noch das Wandern in den nächsten Kurort etwas für mich ist. Ich brauche Ziele und die dürfen nicht klein sein. Ich beschloss also im Januar wieder aufzubrechen. Wenn es alle tun, dann ist es nicht mein Weg. Also weder noch einmal den Jakobsweg noch im Sommer, wenn die Wege zu verstopfen drohen.

Im Januar 2016 lief ich nach Rom. Ich lief im November und Dezember 2015 durch den Odenwald, kreuzte das Neckartal und schlich durch den Kraichgau, immer in Tages- oder Zweitagestouren. Am 2. Januar war der Weihnachts- und Familientreffenwahn rum und meine Regierung fuhr mich bis Speyer, dem letzten Ankunftsort meines Samstagspilgerns. Bis Basel schlief ich am Rhein, mal mit Zelt und mal ohne; in Kirchen, Klöstern und in Obdachlosenasylen und in einer JuHe. In der Schweiz musste ich aus Kostengründen abkürzen, fuhr mit der Bahn bis an den offiziellen Jakobsweg, kletterte bis zum Sankt Bernhard, nahm den Bus durch den Tunnel und lief von Aosta bis Rom.

In Rom genoss ich zwei herrliche Tage, nahm den Bus nach Hause, holte mein Rad, fuhr mit der Bahn wieder nach Rom, genoss abermals zwei herrliche Tage in Rom und fuhr in Richtung Jerusalem. Eine herrliche Zeit.

Jetzt bin ich nach 15 Ländern wieder in Deutschland und gehe die nächsten Projekte an:

Ich sehe mich nach einem Liegerad um; ich baue einen Blog; ich suche Sponsoren.

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2 Gedanken zu “Liegerad – Radreise – Blog

  1. Schöner Bericht 👍
    Du bist im Dezember den Rhein entlang gelaufen und hast draußen geschlafen? ?? Wow Respekt 😊
    Bist.du so ein harter Hund oder hast du den Wunder Schlafsack?

    Gruß aus Zypern in den Odenwald 😚

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    • Hallo René, ja, im November und Dezember bis Speyer, immJanuar bis Basel. Dann bis zum Sankt B., mit dem Bus durch den Tunnel wegen 7 m Schnee. Zufuss durch das Aostatal, die Poebene, die Toskana, an der Küste entlang und durch Latio nach Rom. Dann mit demnRad weiter.
      Im Dezember 2016 bin ich von Düsseldorf mit dem Rad amnrhein entlang in den Odenwald zurück.
      Schöne Erinnerungen. Genau wie die an Zypern, unsere gemeinsame Motorradfreundin und die yurts.
      Bis bald.

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